"Was bedeutet Frühchen"

"Es kam alles ganz anders..."

Dieser Satz charakterisiert wohl das gesamte Gefühlschaos, in das man fällt, wenn man ein Frühchen bekommt.

Auf dieser Seite möchten wir Ihnen aus verschiedenen Sichtweisen die Erfahrungen einer Frühchen-Begleitung näher bringen. Jeder macht seine eigenen Erfahrungen: man erlebt an unterschiedlichen Orten, mit unterschiedlichen Personen ganz unterschiedliche Situationen.

Eines wird nur deutlich: alle Beteiligten, ob Eltern, Ärzte, Kinderkrankenschwestern oder auch soziale Betreuungen möchten dem Frühchen einen möglichst guten Start ins Leben bereiten und setzen alles daran, Ihrem Kind zu helfen!


Klinik-Eindrücke aus Sicht eines Frühchen Vaters

In unserem Fall ging alles sehr schnell und kam völlig unerwartet. Innerhalb von 8 Stunden von 0 auf 100, plötzlich bist du Papa. Doch neben der Aufregung einer Geburt, die wohl bei jedem Vater existiert, kam bei der Geburt unseres Sohnes Henry hinzu, dass der Kleine uns sofort weggenommen wurde und unter ärztliche Kontrolle sofort auf die Intensivstation verlegt wurde. Diese Situation war für meine Frau und mich sehr bedrückend, weil der erste Kontakt mit unserem Kind fehlte. Das Gefühl, nun Vater zu sein, kam dann aber bei mir sofort in dem Moment auf, als ich ein paar Stunden nach der Geburt zu Henry durfte. Es ist schon überwältigend, welche Gefühle der engen Bindung in diesem Moment bei mir hochkamen.

Der erste Eindruck beim Betreten der Intensivstation war für mich positiv, wenn auch von einem Angstgefühl begleitet. Für mich war ja alles neu und ich hatte 1000 Fragen: wie geht es meinem Sohn, hat er reale Lebenschancen, welche Risiken bestehen aktuell, wie geht's jetzt weiter und vor allem die Frage, die immer wieder gestellt wird: wann bekommen wir ihn nach Hause???

Die vielen medizinischen Geräte, an denen er angeschlossen war und die ständig piepsten, haben mich eher beruhigt als verängstigt; ich wusste, dass er hier in den besten Händen war und medizinisch optimal versorgt wurde.

Wir betrachten es als großes Glück, dass wir sowohl auf der Intensivstation als auch auf der Neugeborenen-Station der Uni-Klinik Münster ein in unseren Augen hochgradig kompetentes Ärzte- und Schwestern-Team vorgefunden haben. Sowohl die Ärzte als auch die Schwestern haben erkannt, dass nicht nur die Frühchen, sondern vor allem die Eltern die Patienten sind.

In vielen Gesprächen mit den behandelnden Ärzten haben wir festgestellt, dass die aufkommenden Fragen nach seinen späteren Entwicklungschancen einfach nicht beantwortet werden können. Hier ist entscheidend -und das merken wir jetzt, nach 2 Jahren, deutlich -, wie wir als Eltern mit unserem Kind umgehen, wie viel Zeit wir mit ihm verbringen und vor allem welche Fördermaßnahmen wir für ihn ergreifen. Prognosen sind hier fehl am Platz, es kommt ganz einfach auf den persönlichen Einsatz an!

Die Zeit, in der Henry in der Klinik verbracht hat (insgesamt 4 ½ Monate) waren sehr anstrengend. Wir haben darauf geachtet, dass an nahezu allen Tagen tagsüber immer ein Elternteil bei ihm war. Darüber hinaus haben wir aber auch darauf geachtet, dass wir uns gewisse Auszeiten genommen haben, an denen wir andere Dinge unternommen haben. Ich denke es ist enorm wichtig, dass das "normale" Leben nicht komplett unter der besonderen Situation eines (kranken) Frühchens leidet; dies betrifft vor allem die Partnerschaft, für die es eine enorme Herausforderung darstellt, aber auch Freunde, Sport als Ausgleich etc.

Wir haben uns dazu entschlossen, ab dem ersten Tag ein Tagebuch für unseren Sohn zu führen. Dort haben wir sämtliche Eindrücke, medizinische Befunde, Gespräche mit den Ärzten etc. niedergeschrieben und konnten so auch unsere Gefühle ausdrücken. Das Tagebuch war sehr hilfreich, mit dem täglichen Druck und den vielen Unwägbarkeiten klarzukommen. Es hat uns auch geholfen, im Nachhinein medizinische Entwicklungen nachzuvollziehen und dem jetzt behandelnden Kinderarzt weitere Informationen zu liefern.

Im Nachhinein betrachtet gab es verschiedene "Erfolgsrezepte", die uns die Situation erleichtert haben: am Wichtigsten waren mir die vielen, vielen Gespräche und das Wissen, dass unsere Familien und alle Freunde in dieser besonderen Situation ganz fest zu uns gehalten haben. Diese Unterstützung hat uns dabei geholfen, den nötigen Optimismus aufzubringen, dass Henry diese vielen kritischen Lagen meistert und sich sein weiteres Leben positiv entwickeln wird.

Es ist wichtig zu erkennen, dass man als betroffene Eltern in einer solchen Situation nicht alleine ist. Es gibt viele Möglichkeiten -nicht zuletzt gibt es diesen Frühchenverein Münster, Kontakt zu ebenfalls betroffenen Eltern aufzubauen. Es ist vor allem der persönliche Erfahrungsaustausch, der oft hilfreich ist, es sind aber auch gemeinsame Erlebnisse und Veranstaltungen, Tipps im Umgang mit Behörden, Vermittlung von Ärzten etc., die es uns Eltern einfacher machen, die Krankheit des eigenen Kindes zu akzeptieren und diese Situation zu verbessern.

Ich kann an dieser Stelle allen ähnlich Betroffenen Mut zusprechen: all die Zeit und die Mühen, die wir auf uns nehmen, um uns unserem Kind zuzuwenden, sie lohnen sich! Es stellen sich täglich neue Erfolge ein, immer ganz kleine Schritte, aber es sind Schritte nach vorne!

Tom Steyvers, Vater von Henry (25 + 5 SSW)

Klinikeindrücke aus Sicht einer Kinderkrankenschwester

Eine unbeschreibliche Hilflosigkeit und Verzweiflung erfasst wohl jede Mutter/jeden Vater, wenn ihnen direkt nach der Geburt dieses winzig-kleine Menschlein "weggenommen" wird.

Immer wieder sind wir Kinderkrankenschwestern auf der Kinder-Intensiv- Station damit konfrontiert. Auch wir würden Ihnen lieber die Zeit lassen, Ihr Kind "richtig" kennen zu lernen, es anfassen, in den Arm nehmen und es gebührend willkommen zu heißen. Diese Zeit fehlt uns, vor allem aber Ihrem Kind, meist. Es wird mitgenommen und Ihnen wird alles verwehrt, was einem Menschen im Rahmen des "Elterninstinktes" einfällt. Das Team aus Schwestern und Ärzten übernimmt jetzt für einige Zeit die Aufgabe, Ihrem Kind einen "angemessenen Lebensraum" zu bieten.

An "meiner" Klinik ist es so, dass die Hebamme das Kind aus dem Kreißsaal in den so genannten "Rea-Raum" bringt. Dort ist es über 30°C warm, und wir haben alle Geräte und Instrumente vor Ort, um Ihrem Kind die bestmöglichen Startchancen zu ermöglichen.

Zunächst wird Ihr Kind gründlich abgetrocknet, damit es nicht auskühlt, denn nasse Haut kühlt zügig ab, dass weiß jeder aus eigener Erfahrung! Zudem fehlt den Frühchen das Unterhautfettgewebe, welches die Wärme im Normalfall im Körper speichert. Es wird untersucht, und schließlich entscheidet der Arzt, welche weiteren Maßnahmen nötig sind. Das Kind wird an einen Monitor angeschlossen, der Herzschlag, Atmung, Sauerstoff-Sättigung und Blutdruck überwacht. Das sieht gefährlicher aus, als es ist, denn das sind völlig schmerzlose Maßnahmen.

Manchmal ist es nötig, Ihr Kind beim Atmen zu unterstützen oder sogar die Atmung komplett von einer Maschine übernehmen zu lassen. Für eine Atemhilfe wird ein Schlauch, ein so genannter Tubus bis den Rachen eingeführt. Darüber wird ein kontinuierlicher Luftstrom in den Rachen geleitet, der das Atmen erleichtert. Auch Sauerstoff kann so verabreicht werden. Ist Ihr Kind noch viel zu schwach zum Atmen, wird ein Tubus bis in die Lunge vorgeschoben, so dass Luft, eventuell angereichert mit Sauerstoff, direkt in einem Atem-Rhythmus in die Lungen geleitet werden kann. Dafür bekommt Ihr Kind in den meisten Fällen etwas zum Schlafen über einen kleinen Schlauch, der zuvor in eine Vene eingeführt wurde. Dieser Piks ist leider unumgänglich, so wie so viele Stiche, die im Laufe der nächsten Wochen noch folgen werden...

Wenn sich Ihr kleiner neugieriger Racker dann so weit "stabilisiert" hat, darf auch der Papa schon einmal einen Blick auf seinen Sprössling werfen, um der Mama zu berichten. Manchmal kann der Papa schon im Kreißsaal zu seinem Kind, manchmal möchten wir das kleine Menschlein aber auch lieber erst auf der Station haben. Für den Transport wird entweder ein Inkubator (Brutkasten) oder ein speziell ausgestattetes Wärmebettchen verwendet, damit Ihr Kind auch auf dem Transport möglichst nicht auskühlt.
Wir erklären gern alle Kabel und Geräte, die an Ihrem Kind befestigt sind. Es ist aber normal, wenn sie in dieser Situation gar nicht den Kopf haben für solche Informationen und später noch einmal nachfragen!

Die meisten Eltern sind zunächst einmal erschreckt, wenn sie das kleine Menschlein unter all den Schläuchen und Kabeln kaum erkennen können, und es ein wenig aussieht wie ein aus dem Nest gefallenes Vögelchen. Diese Reaktion ist völlig normal, darauf kann einen niemand so richtig vorbereiten. Mit der Zeit werden Sie einen Blick für die Schönheit und Vollkommenheit Ihres Winzlings bekommen!

Der Kontakt zu den Eltern ist für ein Frühchen besonders wichtig. Es braucht Ihre Zärtlichkeit, Ihre Wärme, Ihre Aufmerksamkeit und Ihre Stimme! Dass Sie sich vielleicht scheuen, ein so zerbrechliches Wesen anzufassen, ist vollauf verständlich. Sie sollten sich aber klarmachen, dass diese kleine Handvoll Mensch gerade eine Geburt hinter sich hat, eine der größten Belastungen, die Menschen kennen! Die betreuende Schwester steht Ihnen gern mit Rat und Tat zur Seite!

Im Laufe der Zeit dürfen Sie gern ein paar persönliche Dinge für Ihr Kind mitbringen: Ein Kuscheltier, ein Schutzengelchen, ein Kuscheltuch, eine Spieluhr... Nach entsprechender Desinfektion werden diese Ihrem Kind dann mit in den Inkubator gelegt. Die Spieluhr wird in der Nähe des Inkubators befestigt, da Geräusche im Inkubator sehr laut widerhallen. Daher sollten Sie auch keine harten Sachen auf dem Inkubator abstellen und die Klappen möglichst leise öffnen und schließen. Der Inkubator mag zwar sehr störend erscheinen, was den Eltern-Kind-Kontakt betrifft, für ein Frühchen ist er aber der Lebensraum, der die Situation im Mutterleib möglichst genau nachstellt, was Wärme und Feuchtigkeit betrifft. Zudem ist ein Inkubator eine kleine Barriere, die Keime erst einmal auf dem Weg zu Ihrem Kind überwinden müssen.

Infektionen sind immer wieder ein Thema, und trotz aller Vorsichtsmaßnahmen kommt kaum ein Frühchen um eine mehr oder weniger schwere Infektion herum. Um die Gefahr zu minimieren, sind Schwestern und Ärzte sehr pingelig mit der Desinfektion und werden Sie in die notwendigen Maßnahmen einweisen.

Die nächsten Tage und vielleicht Wochen werden wahrscheinlich die emotional schwierigsten, anstrengendsten und aufwühlendsten Ihres Lebens. Die Hochs und Tiefs zwischen Hoffen und Bangen, Freude und Angst, Unsicherheit und Verzweiflung kennen wohl alle Frühchen-Eltern. Dies ist eine absolute Ausnahmesituation, und das ist der größte Stress für Körper, Seele und vielleicht auch Beziehung.

Wir Schwestern und die Ärzte kennen und verstehen Ihre Sorgen, wir haben viele Frühchen und Ihre Eltern in solchen und ähnlichen Situationen begleitet, und wir sind zwar in erster Linie für Ihr Kind da, in zweiter Linie ist aber auch die Eltern-Arbeit ein ganz großer Punkt.
Um diese schwierige Zeit durchzustehen und für Ihr Kind so da zu sein, wie es Sie braucht, brauchen Sie Vertrauen und Sicherheit. Sie müssen Ihr Kind gut aufgehoben wissen und Sie müssen wissen, was da in Ihrem Kind vorgeht. Daher gibt es nur eines: Scheuen Sie sich nicht, Fragen zu stellen!!! Und wenn Ihnen die einmalige Beantwortung Ihrer Fragen nicht reicht, dann fragen Sie eben mehrfach! Es ist wichtig, dass Sie diesbezüglich keine Scheu zeigen!

Es mag vorkommen, dass eine Schwester vielleicht einmal gestresst wirkt, aber nehmen Sie das dann bitte nicht persönlich und sind entsetzt oder enttäuscht! Auch Schwestern sind nur Menschen, wir arbeiten zum Teil unter maximalen Belastungen, und auch wir nehmen Anteil am Schicksal "unserer" Kinder.
Nicht jeder geht auf die gleiche Art damit um, nicht jeder kann verzweifelte Eltern in den Arm nehmen. Und andererseits will auch nicht jeder in so einer Situation in den Arm genommen werden... Auch für uns ist es manchmal schwierig, in bestimmten Situationen so für Sie da zu sein, wie Sie es gerade brauchen.

In so einem Fall ziehen Sie sich bitte nicht in Ihr Schneckenhaus zurück! Jede Schwester, die womöglich einmal einen schlechten Tag hat, wird auf den Boden der Tatsachen zurückkommen, wenn Sie ihr erklären, wie verzweifelt Sie sind und warum die Beantwortung speziell dieser Fragen gerade so existentiell ist. Vieles lässt sich sofort in wenigen Worten klären, anderes kann man vielleicht doch auf einen späteren Zeitpunkt verschieben, häufig kann auch ein Kinderarzt zur Klärung hinzugezogen werden. Wir arbeiten auch eng mit einer psychologischen Betreuung zusammen, die Sie bei den Auf-und-Ab-Phasen in der Entwicklung Ihres Kindes begleitet.

Scheuen Sie sich also nicht, Fragen zu stellen, Beobachtungen weiterzugeben und Anmerkungen zu machen. Wenn Sie mit einer Ungewissheit und dem Gefühl, dass Ihr Kind nicht gut versorgt wird, nach Hause gehen, ist damit niemandem geholfen, am wenigsten Ihrem Kind. Denn solche (Miss-)Stimmungen bekommt es sehr wohl mit!

Wenn das Verhältnis zwischen den Eltern und dem pflegerischen/ medizinischen Personal auf einer Ebene der gegenseitigen Akzeptanz und Wertschätzung liegt, sind das die besten Voraussetzungen für eine optimale Versorgung Ihres Kindes.

Kathrin Heidemeyer - Kinderkrankenschwester (Kinderintensivpflege)

Erfahrungsbericht eines Arztes der Neonatologie

Die Geburt eines frühgeborenen Kindes bedeutet für Eltern eine große Belastung. An die Stelle der Hoffnung auf die sorgenfreie Entbindung eines gesunden Neugeborenen treten Sorgen, Ängste und Befürchtungen über den aktuellen Gesundheitszustand und die weitere Entwicklung des Frühgeborenen.

Eine Vielzahl von technischen Geräten soll den Frühgeborenen in der ersten Lebensphase helfen, aktuelle Schwierigkeiten zu meistern und sich weiter entwickeln zu können.

Fast alle Kinder benötigen eine Infusionstherapie oder eine Medikamentenverabreichung über die Venen. Die dafür erforderlichen Zugänge werden meist an den Händen, Unterarmen, Füßen oder am Kopf angelegt. Nach großen Operationen oder bei längerfristigem Bedarf werden häufig zentralvenöse Katheter benötigt, die vorwiegend in der Ellenbeuge, dem Leistenbereich oder im Schulter-Hals-Bereich angelegt werden. Hierüber ist auch längerfristig die Versorgung mittels Medikamenten und Ernährungsbestandteilen, die das Frühgeborene zum Wachsen benötig möglich. Aufgrund des leicht erhöhten Infektionsrisikos der zentralvenösen Katheter muss regelmäßig die Notwendigkeit des Katheters hinterfragt werden.

Um Veränderungen des Frühgeborenen rechtzeitig zu bemerken und die medizinischen Maßnahmen dementsprechend anpassen zu können, ist eine Überwachung der Kinder notwendig. Hierbei werden der Herzschlag, der Blutdruck und der Sauerstoffgehalt des Blutes überwacht. Je nach Erkrankung des Kindes können weitere Überwachungsgeräte notwendig werden. Alarmtöne sollen anzeigen, wenn die eingestellten altersentsprechenden Grenzen über- oder unterschritten werden. Aufgrund der hohen Empfindlichkeit der Geräte kommt es häufig zu Fehlalarmen.

Während des Aufenthaltes sind viele Untersuchungen des Kindes wiederholt notwendig. Dazu gehören regelmäßige Blutabnahmen, wiederholte Ultraschalluntersuchungen (Kopf, Bauch) und Röntgenaufnahmen (Lunge, Bauch). Jede Untersuchung wird streng auf ihre Notwendigkeit überprüft, um dem Kind jegliche unnötige Belastung zu ersparen. Fast alle Untersuchungen können auf der Station mit Hilfe mobiler Geräte durch das dort tätige Personal durchgeführt werden.

Ein wesentliches Problem in den ersten Lebenstagen, insbesondere bei sehr unreifen Frühgeborenen, ist die ausreichende und selbständige Atmung. Dementsprechend wird häufig eine Unterstützung der Atmung notwendig. Dies kann von der Vorlage von Sauerstoff bis zur maschinellen Beatmung des Kindes durch eine Maschine reichen. Bei einigen Frühgeborenen ist die Verabreichung eines Medikamentes zur besseren Eröffnung der Lunge notwendig. Die Dauer der atemunterstützenden Therapie richtet sich nach der Schwere des Krankheitsbildes und der Reife des Kindes.

In vielen Fällen wird die Verabreichung von Beruhigungs- und Schmerzmitteln notwendig, damit das Kind diese Therapie nicht als unangenehm empfindet.

Auch die Kreislaufverhältnisse benötigen in den ersten Lebenstagen häufig Unterstützung. Dies kann in Form von erhöhter Flüssigkeitszufuhr und bei weiterbestehenden Problemen auch in Form von kreislaufunterstützenden Medikamenten erfolgen. Diese müssen über einen zentralvenösen Katheter verabreicht werden, häufig sind dann weitere Überwachungsgeräte für das Kind notwendig.

Aufgrund der Unreife des Kindes gibt es am Anfang häufig Herzfrequenzabfälle, die in einigen Fällen abhängig von der Häufigkeit eine medikamentöse Therapie erfordern. Diese verschwinden aber in nahezu allen Fällen mit zunehmender Reife des Kindes.

Bei kranken Neugeborenen, aber auch bei Frühgeborenen, ist eine normale Ernährung, wie z.B. mittels Stillen, am Anfang häufig gar nicht möglich. Dementsprechend muss eine Ernährung über die Venen erfolgen, während zeitgleich kleine Mengen Nahrung mittels einer Sonde in den Magen gegeben werden, um die orale Nahrungsmenge langsam entsprechend der individuellen Verträglichkeit zu steigern.

Eine regelmäßige Überprüfung des Bauches, der Darmgeräusche und der Magenreste ist notwendig, um kurzfristige Änderungen, die auf eine Erkrankung des Darmes hinweisen können, zu erkennen.

Viele Frühgeborenen zeigen eine deutliche vorübergehende Gelbfärbung der Haut, auch Ikterus genannt. Diese ist nicht ansteckend und meist durch die Unreife der Leber bedingt. Entsprechend der bestimmten Laborwerte kann eine Bestrahlung mit speziellem blauen Licht notwendig sein, welches den Abbau des gelben Blutfarbstoffs (Bilirubin) unterstützt. Bei dieser Therapie müssen die Augen des Kindes geschützt werden.

Aufgrund der Unreife der Blutgefäße und der wechselhaften Vitalfunktionen insbesondere in den ersten Lebenstagen sind Blutungen insbesondere im Kopf des Kindes eine wesentliche Komplikation. Regelmäßige Kontrollen mittels Ultraschall ermöglich es, diese ohne Beeinträchtigung des Kindes zu erkennen und falls notwendig weiterführende Maßnahmen zu veranlassen.

Auch nach Stabilisierung des Kindes und Entlassung in das häusliche Umfeld benötigen Frühgeborene im Folgenden individuell angepasste Kontrolluntersuchungen und Fördermaßnahmen. Deshalb sind regelmäßige Kontrollen durch speziell geschultes Personal notwendig und inzwischen auch gesetzlich vorgeschrieben. Hierbei können dann individuelle Konzepte zur optimalen weiteren Förderung und Genesung des Kindes erarbeitet werden, um die weitere normale Entwicklung des Kindes zu erreichen.

Dr. Martin Berghäuser, UniKlinik Münster

Endlich zu Hause

Mit unseren in der 26 + 5 SSW viel zu frühgeborenen Zwillingen Greta und Hannes lief in der Klinik alles recht reibungslos. Die beiden waren so stark, haben gekämpft und viel, viel Glück gehabt. So sind wir nach nicht einmal 3 Monaten Klinikaufenthalt, und fast zwei Wochen vor dem eigentlichen Geburtstermin, entlassen worden.

Hannes Entlassungstermin lag fünf Tage vor Gretas. Zuerst war es für mich schwer vorstellbar nur mit einem Zwilling die Klinik zu verlassen. Da aber klar war, dass Greta schnell nachkommen würde, fand ich es doch gut, sich zu Hause erst einmal auf ein Kind einstellen zu können und dann das nächste möglichst schnell zu holen.

Am Tag der Entlassung von Hannes war ich aufgeregt und besorgt. Tausende Gedanken schwirrten in meinem Kopf. Es stand nicht die Freude über die Entlassung im Vordergrund, sondern mehr die Sorge:

Wie wird es zu Hause ohne Monitor? Wird Hannes wirklich atmen oder nachts das Atmen vergessen? Werde ich sehen, wenn irgendetwas mit ihm nicht stimmt? Wird er genug trinken? Werden wir überhaupt die Verantwortung, die die beiden Kinder mit sich bringen, tragen können?

Wir sind mit Hannes nach Hause gefahren, glücklich und ängstlich zugleich und Greta blieb noch in der Klinik. Die erste Nacht war spannend. Hannes hat gut geschlafen, aber ich war erstaunt, wie viele Geräusche ein Kind nachts machen kann! Das war schon sehr ungewohnt. Und immer wieder hatte man das Gefühl, nachsehen zu müssen, ob es dem Kind wirklich gut geht.

Greta konnten wir einige Tage später holen und nun waren wir endlich alle zu Hause! Die ganze Familie zusammen. Es war ein tolles Gefühl. Wir haben in der ersten Zeit zu Hause alle zusammen die Ruhe und Geborgenheit genossen. Kein stressiger, lauter Krankenhausalltag. Die Kinder haben viel geschlafen und wirkten sehr zufrieden. Ich habe es genossen, endlich eine Privatsphäre mit den Kindern zu haben, zu kuscheln, zu reden, zu singen.

Natürlich war es auch anstrengend, sich auf die zwei neuen Mitbewohner einzustellen. Aber die Freude hat doch bis heute immer alle Anstrengung vergessen lassen. In der ersten Zeit waren wir sehr viel zu Haus, haben nur kleine Spaziergänge unternommen und die notwendigen Arztbesuche erledigt.

Der Kinderarzt wurde uns vom Frühchenverein empfohlen und ist ganz in unserer Nähe. Er wiederum hat uns die Augenarztpraxis des Franziskus Hospitals und später eine erfahrene Physiotherapeutin für die Krankengymnastik empfohlen. Die Termine für die Pädaudiologie und die Nachsorge im SPZ haben wir noch vor der Entlassung in der Uniklinik erhalten.

Neben der Freude, endlich zu Hause zu sein, hatte ich aber auch immer wieder Angst. Meine Ängste in der ersten Zeit zu Hause waren, dass die Kleine sich einen Infekt einfangen könnten oder nicht gut genug essen. Vor dem Wiegen durch die Hebamme oder den Arzt hatte ich immer Angst, insbesondere unsere zierliche Greta hätte nicht zugenommen, müsste ins Krankenhaus und eine Magensonde würde gelegt werden. Eine schlimme Vorstellung wieder zurück in die Klinik zu müssen! Aber bis heute sind wir nicht mehr stationär aufgenommen worden und Hannes und Greta haben erst jetzt im September 2007 ihre erste Erkältung!

Wir haben Greta und Hannes jetzt mehr als 6 Monate bei uns zu Hause und ich sehe in ihnen meine wunderbaren Kinder und möchte ihre frühe Geburt nicht in den Vordergrund stellen. Sie sollen alle Zeit der Welt bekommen, die Welt für sich zu entdecken und sich zu entwickeln.

Aber es fiel mir trotzdem oft schwer, andere Neugeborene von Freunden und Bekannten zu sehen, die so viel größer und weiterentwickelt als unsere waren und ich beneidete die Mütter um ihre komplikationslose Geburt.

Ich denke noch oft an die Zeit in der Klinik und an die schrecklichen Stunden vor der Geburt und an die Geburt. Meine Zwillinge waren soooo klein und soooo früh! Mit meinen Gefühlen und Gedanken fühle ich mich im Frühchenverein gut aufgehoben. Die Eltern frühgeborener Kinder kennen alle das Gefühl: "Es kam alles ganz anders!". Das tut mir gut.

Esther Hellbrück, Mutter von Zwillingen, 26 +5 SSW